La Paz

Reiseberichte aus dem Sanella-Album Mittel- und Südamerika

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In der höchstgelegenen Großstadt der Welt

La Paz ist die höchstgelegene Großstadt der Welt. Auf das bunte Gewimmel in den Straßen zwischen modernsten Hochhäusern aus Beton und Stahl schauen die Bergriesen aus ihrer unnahbaren Einsamkeit herab. An der Prachtstraße, dem Prado, große, reichgeschmückte Kathedralen. Die Straßenbahnen sind überfüllt. Autos jagen vorbei. Aber uns fällt auch hier das Atmen schwer. Die Höhenluft ist zu dünn, obgleich in Bolivien gut 3000 Meter noch als keine besondere Höhe gelten. Seitab in den älteren Stadtvierteln, mit steilen Gassen und holperigem Pflaster, herrscht ein buntes Durcheinander von Mestizen und Indios. Wie wir in eine Straße einbogen, bin ich mit offenem Mund stehengeblieben. Saßen da am Rande des Bürgersteigs Indianer mit ihren Frauen, die ihnen die Läuse aus dem Nacken aufsammelten - und aufaßen. Die Indios müssen zumeist schwer schuften, auf den Farmen des "Altiplano", der Hochebene.

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Lieber steigen sie aber noch höher in die Berge, um in 5000 Meter Höhe Schwerarbeit in den Zinnminen zu leisten, weil sie dort von den Nordamerikanern und Europäern, die die Betriebe leiten, besser behandelt und bezahlt werden. Lieber Jupp, kannst Du Dir das vorstellen: Eine richtige Industriestadt - so hoch gelegen wie der Gipfel des Montblanc - mit modernsten Wohnungen und elektrischen Anlagen! Auf die Dauer können es hier zwar meist nur die Indios aushalten. Ihnen macht die Höhe nicht viel aus. Die Weißen müssen meist nach wenigen Monaten das Klima wechseln. Denn wenn man länger dort bleibt, hat man angeblich unter Schlaflosigkeit zu leiden und kann keine geistige Arbeit mehr leisten.

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Auf dem Markt von La Paz

Man merkt es den armen Quetchua-Indianern Boliviens kaum noch an, daß sie die Nachkommen des ältesten und höchsten Kulturvolkes in Südamerika sind. Fernandez sagt, Bolivien sei geradezu die Wiege südamerikanischer Kulturvölker. Auf den Hochflächen des Gebirges, von gewaltigen Bergriesen eingeschlossen, waren hier schon Kulturen mit mächtigen Bauwerken entstanden, lange vor der Zeit des europäischen Altertums und auch lange vor der Herrschaft der Inkas und Azteken. Die gewaltigen Ruinen von Tiahunanaco gelten als die ältesten der Welt. Die heute lebenden Indios haben kaum noch etwas von der einstigen Kulturhöhe bewahrt. Aber es ist ein buntes, malerisches Volk.

Wir sind auf den alten Markt von La Paz hinuntergegangen. Phantastische Gestalten! Die Männer in grellbunten Ponchos und halblangen Hosen, die Füße nackt oder in Holzpantinen. Kupferbraune Gesichter, kohlschwarze Haare und bunte, gestrickte Mützen, auf denen manchmal auch noch ein heller Filzhut sitzt; denn auf der Hochebene ist es kalt! Die Frauen der Indios hocken auf dem Markt wie riesige Farbkleckse, oft ein Baby auf dem Rücken, vor sich Obst und Gemüse, das sie feilbieten. Die Frauen tragen meist eine Unzahl Röcke. Sie ziehen angeblich nie einen aus. Ist der oberste abgetragen, wird ein neuer, handgewebter darübergezogen. Na ja, hygienisch ist das gerade nicht. Aber es hält schön warm.

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La Paz ist der Regierungssitz Boliviens Mit einer Höhe von 3200 bis 4100 m ist die Stadt der höchstgelegene Regierungssitz der Erde. Die Hauptstadt Boliviens ist Sucre. Die Stadt wird vom mächtigen Illimani (6.439 m) mit seinen vier Gipfeln beherrscht. Je höher die Wohnlage desto kühler ist es. Bei einer durchschnittlichen Abnahme der Temperatur um 0,6 °C je 100 m liegt die Differenz zwischen den tiefsten und den höchsten Wohnlagen bei 6 °C im Jahresmittel. In einer Höhe von 3600 m beträgt je nach Jahreszeit die Temperatur im Mittelwert 6° - 12° C.